Die Zukunft des Internets: Kampf für digitale Freiheit und Demokratie

Die Zukunft des Internets: Kampf für digitale Freiheit und Demokratie

21. November
, geschrieben von Andreas Rossmann

Das Internet steht am Scheideweg. Was einst als Raum der Freiheit, Innovation und gleichberechtigten Teilhabe begann, wird zunehmend von einigen wenigen Tech-Giganten dominiert. Doch weltweit formiert sich Widerstand: Organisationen und Projekte kämpfen dafür, das Internet in seinem ursprünglichen Sinne zu bewahren – als offenes, demokratisches Medium für alle.

Die Vision: Ein freies und offenes Internet

Die Idee eines dezentralen, nutzerfreundlichen Internets ist nicht neu. Sie war von Anfang an Teil der DNA des World Wide Web. Doch heute drohen Algorithmen, Datenmonopole und kommerzielle Interessen diese Vision zu ersticken. Die digitale Öffentlichkeit wird zunehmend von wenigen Plattformen kontrolliert, die bestimmen, welche Inhalte sichtbar werden und welche im algorithmischen Dunkel verschwinden.

Mozilla und das Mozilla-Manifest: Prinzipien für ein besseres Internet

Eine der bekanntesten Initiativen ist die Mozilla Foundation mit ihrem Firefox-Browser. Seit 1998 arbeitet Mozilla daran, dass sich das Internet zum Wohle aller weiterentwickelt. Das Mozilla-Manifest formuliert die Kernprinzipien für die Zukunft des Webs:

  • Das Internet ist eine globale öffentliche Ressource, die offen und zugänglich bleiben muss.

  • Das Internet muss das Leben der einzelnen Menschen bereichern.

  • Die Sicherheit und Privatsphäre des Einzelnen im Internet sind von grundlegender Bedeutung.

  • Einzelpersonen müssen die Möglichkeit haben, das Internet und ihre eigenen Erfahrungen darin zu gestalten.

Mozilla setzt diese Prinzipien konkret um: Im Gegensatz zu Chrome-basierten Browsern unterstützt Firefox weiterhin Manifest V2 für Browsererweiterungen. Das bedeutet, dass leistungsstarke Datenschutztools wie uBlock Origin auch in Zukunft funktionieren werden – während Google diese Funktionalität in Chrome einschränkt. Mozilla hält an seiner Position fest: Nutzer sollen die Kontrolle über ihr Online-Erlebnis behalten.

Solide: Tim Berners-Lees radikaler Neuanfang

Tim Berners-Lee , der Erfinder des World Wide Web, geht noch einen Schritt weiter. Mit seinem Solid Project (Social Linked Data) will er das Internet grundlegend verändern. Die Kernidee ist revolutionär: Nutzerdaten sollen nicht länger bei Facebook, Google oder Amazon gespeichert werden, sondern in persönlichen „Pods“ (persönlichen Online-Datenspeichern), die jeder selbst kontrolliert.

Berners-Lee erklärt es so: „Mit Solid können Sie nicht nur kontrollieren, wer Zugriff auf Ihre Daten hat – Sie können diesen Zugriff auch jederzeit per Knopfdruck widerrufen.“

Das Solid-Projekt, das 2016 am MIT ins Leben gerufen wurde und heute vom Open Data Institute , hat bereits prominente Nutzer gefunden: Die BBC nutzt Solid für personalisierte Medienempfehlungen, der britische NHS (National Health Service) für die Verwaltung von Patientendaten und die belgische Region Flandern für Bürgerdienste.

Die Vision: Anwendungen greifen nur mit ausdrücklicher Genehmigung auf Nutzerdaten zu. Beim App-Wechsel werden die Daten einfach mitgenommen. Die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter wird dadurch unmöglich.

Markus Beckedahl und die deutsche Bewegung für digitale Rechte

In Deutschland hat Markus Beckedahl die digitale Bürgerrechtsbewegung maßgeblich geprägt. 2003 gründete er netzpolitik.org , heute das wichtigste Medium für digitale Rechte im deutschsprachigen Raum. Er war außerdem Mitinitiator von re:publica , Europas größtem Festival für digitale Gesellschaft, das seit 2007 jährlich Tausende Besucher nach Berlin lockt.

Nach über 20 Jahren bei netzpolitik.org startete Beckedahl 2025 sein neuestes Projekt: das Zentrum für Digitale Rechte und Demokratie . Die gemeinsam mit Campact gegründete Organisation versteht sich als zivilgesellschaftliches Gegengewicht zur Lobby der Technologiebranche.

„Ich beobachte mit Sorge, wie die großen Plattformen zu politischen Akteuren werden – ohne demokratische Kontrolle, aber mit enormer Macht über Meinungsbildung und Debatten“, erklärt Beckedahl seine Motivation. Das Zentrum konzentriert sich auf „schnelle Reaktion“ – rasche, fundierte Reaktionen auf aktuelle Entwicklungen, um der Deutungsdominanz der großen Technologiekonzerne mit alternativen Narrativen entgegenzuwirken.

Die Digital Society Association und re:publica

Beckedahl gründete außerdem die Digitale Gesellschaft e.V. , die sich für Bürgerrechte im digitalen Raum einsetzt. re:publica , ursprünglich als Bloggertreffen gestartet, hat sich mit über 20 Bühnen, 1.000 Rednern und Tausenden von Besuchern zum wichtigsten Treffpunkt für Netzaktivisten, Kreative, Wissenschaftler und Politiker entwickelt. Hier werden Themen von Netzpolitik über Medien und Kultur bis hin zu Technologie und Demokratie diskutiert.

Xnet: Spaniens Vorreiter für digitale Rechte

In Spanien kämpft Xnet European Digital Rights (EDRi) , dem europaweiten Netzwerk für Bürgerrechte im digitalen Raum.

Xnet ist auf mehreren Ebenen aktiv:

  • Netzneutralität : Der Kampf für die Gleichbehandlung aller Daten im Internet

  • Datenschutz und Privatsphäre : Kritik an übermäßigen Identifizierungsanforderungen der Behörden

  • Schutz von Hinweisgebern : Betrieb sicherer Meldesysteme (wie XnetLeaks)

  • Freie Kultur : Förderung alternativer Urheberrechtsmodelle

  • Antikorruption : Die Plattform 15MpaRato führte zur Verurteilung von 65 Politikern und Bankern, darunter der ehemalige Wirtschaftsminister und IWF-Präsident Rodrigo Rato.

Besonders hervorzuheben ist: Simona Levi veröffentlichte 2021 im Auftrag des Präsidenten des Europäischen Parlaments einen Bericht zur „souveränen und demokratischen Digitalisierung Europas“. Xnet berät inzwischen Regierungsbehörden in Spanien und Katalonien zu digitalen Rechten.

Die Organisation veranstaltet außerdem das FCForum (Free Culture Forum), eine internationale Konferenz, die Experten und Organisationen für freie Kultur und Wissen zusammenbringt, sowie die oXcars , eine Auszeichnung für Projekte, die im Rahmen von Paradigmen der offenen Kultur entstanden sind.

Warum diese Organisationen wichtig sind

Was verbindet Mozilla, Solid, das Center for Digital Rights und Xnet? Sie alle kämpfen für dasselbe Ziel:

Das Internet als öffentliches Gut erhalten – nicht als Spielwiese für kommerzielle Datensammler und -manipulatoren, sondern als Raum für freie Meinungsbildung, Kreativität und demokratische Teilhabe.

Ihre wichtigsten Forderungen:

  1. Datensouveränität : Nutzer müssen die Kontrolle über ihre eigenen Daten haben.

  2. Dezentralisierung : Keine Abhängigkeit von einigen wenigen Technologiegiganten

  3. Transparenz : Algorithmen und Geschäftsmodelle müssen verständlich sein.

  4. Digitale Rechte : Meinungsfreiheit, Privatsphäre und Schutz vor Online-Überwachung

  5. Netzneutralität : Gleichbehandlung aller Daten, keine Bevorzugung kommerzieller Dienste

Die Herausforderungen

Der Kampf ist nicht einfach. Die großen Technologiekonzerne verfügen über enorme finanzielle Ressourcen, politischen Einfluss und Macht über die Infrastruktur, die Milliarden von Menschen täglich nutzen. Die Herausforderungen sind vielfältig:

  • Netzwerkeffekte : Menschen bleiben auf Facebook oder WhatsApp, weil alle anderen auch dort sind.

  • Lobbymacht : Technologiekonzerne investieren Millionen in politischen Einfluss.

  • Komfort : Alternative Dienste sind oft weniger komfortabel als etablierte Plattformen.

  • Wissenslücke : Viele Nutzer verstehen nicht, wie ihre Daten verwendet werden.

Was kann jeder Einzelne tun?

Die gute Nachricht: Jeder kann zum Erfolg dieser Bewegung beitragen:

  • Verwenden Sie alternative Browser wie Firefox anstelle von Chrome.

  • Unterstützen Sie gemeinwohlorientierte Projekte durch Spenden oder aktive Teilnahme.

  • Informieren Sie sich über digitale Rechte auf netzpolitik.org , Xnet oder EDRi.

  • Politiker fordern klare Regeln für Technologiekonzerne.

  • Teilen Sie Ihr Wissen und sensibilisieren Sie Ihr Umfeld für diese Themen.

  • Probieren Sie dezentrale Alternativen : Mastodon statt Twitter, Signal statt WhatsApp

Ausblick: Welches Internet wollen wir?

Die Frage nach der Zukunft des Internets ist letztlich eine gesellschaftliche Frage: Wollen wir eine digitale Welt, in der eine Handvoll Oligarchen Informationsflüsse, Meinungsbildung und öffentlichen Diskurs kontrollieren? Oder kämpfen wir für ein Internet, das seinem ursprünglichen Versprechen gerecht wird – als Werkzeug für Emanzipation, Bildung und demokratische Teilhabe?

Projekte wie Mozilla, Solid, das Center for Digital Rights und Xnet zeigen: Es gibt Alternativen. Es gibt Menschen und Organisationen, die nicht aufgeben. Sie beweisen, dass ein anderes, besseres Internet möglich ist – wenn wir bereit sind, dafür einzustehen.

Die digitale Revolution ist noch lange nicht vorbei. Es liegt an uns, sie in die richtige Richtung zu lenken.

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